Das Halsband der Taube, E.W. HeineAnfangs stand ich diesem Roman etwas skeptisch gegenüber, da die Handlung wie ein Krimi beginnt: 1231 fällt Herzog Ludwig von Bayern auf offener Straße einem Attentat zum Opfer. Der Mörder ist ein Tempelritter, der zuvor einige Jahre im Orient verbracht hat und von dessen Rückkehr niemand gewusst hat. Daher wird sein Zwillingsbruder Orlando, ebenfalls ein Templer auf seine Spuren geschickt, um die Hintergründe des Mordes herauszufinden. Die Krimi-Handlung tritt jedoch, je weiter Orlando reist, immer mehr in den Hintergrund, denn sobald er nach Byzanz gelangt, spielt er die Rolle seines Bruders, wird immer mehr in die fremde Kultur hineingezogen und verliert den objektiven Blick für seine Mission. Sein Weg führt ihn – wie vorher seinen Bruder – nach Alamut zum Orden der Assassinen, wo er immer tiefere Einblicke in die Lebensweise und Philosophie dieser Männer erhält. Gleichzeitig ist ihm jedoch immer bewusst, dass er in Gefahr schwebt, nur ist es nicht immer leicht zu beurteilen, woher diese kommt. Den größten und faszinierendsten Teil dieses Buch macht Orlandos Zeit bei den Assassinen aus. Deren selbstmörderische Grundsätze wirken zunächst sehr fremd, werden aber durch zunehmende Informationen immer greifbarer. Auch der Vergleich zwischen Orient und Okzident ist in dem Roman wichtig. Ich habe mich mit dem Islam vorher kaum beschäftigt, aber beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass der Autor die wichtigen religiösen und lebensweltlichen Grundsätze sehr gut erfasst hat. Sehr wichtig fand ich außerdem, dass Heine im Nachwort einen Bezug zwischen den Assassinen und den islamischen Extremisten der Gegenwart herstellt, denn der Vergleich zu den Selbstmordattentaten der jüngsten Jahre drängt sich beim Lesen ohnehin auf. Alles in allem fand ich das Buch sehr spannend und konnte es beim Lesen kaum weglegen. Ob sich der Autor auch im Detail an authentische Belege gehalten hat, kann ich nicht beurteilen, aber wer einen historischen Roman mit spannender, unvorhersehbarer Handlung und Einblicken in fremde Kulturen sucht, liegt mit diesem Buch sicher richtig.
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